Podiumsdiskussion - Sexualisierte Grenzüberschreitungen - ein Thema für den Sport

 

Zu diesem Thema diskutierten am 27. November 2013 Christa Prets, Vorsitzende des Vereins "100% Sport", Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser und Bettina Weidinger, Pädagogische Leiterin des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik. Die Moderation der Diskussion, die von BM Gabriele Heinisch-Hosek gemeinsam mit "100% Sport" organisiert worden war, übernahm Elisabeth Auer.

Sport fördert Gesundheit und soziale Integration, er ist ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor, bei dem die körperliche Bewegung im Mittelpunkt steht und es zu vielen unterschiedlichen Formen des Körperkontakts kommt. In diesem Zusammenhang lässt sich die Sensibilität erkennen, mit der sexuelle Grenzüberschreitungen im Sport anzusprechen und zu behandeln sind.

Auf individueller Ebene beginnt eine sexualisierte Grenzüberschreitung dort, wo jemand für sich persönlich sagt: "Ich empfinde das als Grenzüberschreitung." Das Ansprechen solcher Gefühle darf nicht in einer Beschuldigung oder Verlustsituation der Betroffenen enden, denn sonst werden Überschreitungen nicht gemeldet.

Sportvereine und -verbände müssen Vertrauen bei SportlerInnen und insbesondere bei Kindern und auch bei deren Eltern aufbauen. Es müssen Bedingungen geschaffen werden die signalisieren, es ist nicht nur in Ordnung, wenn Betroffene sich melden, sondern es ist erwünscht. Dazu muss das Thema immer wieder, auf allen Ebenen und bei verschiedenen Gelegenheiten offen angesprochen werden. Mögliche körperliche Nähe und intime Situationen müssen von Anfang an thematisiert werden, so wie auch individuelle Regeln zu den unterschiedlichsten Sportarten besprochen werden. Es muss ein Punkt sein der extra erwähnt und offensiv angesprochen wird. Auch im Hinblick auf Alltagsrealitäten wie etwa Raumstrukturen muss entsprechend Rücksicht genommen werden - wie viele Rückzugsräume gibt es bzw. wie viel Privatheit ist für die SportlerInnen möglich?

Nur wenige Frauen trauen sich über Gewalterfahrungen zu sprechen, bei sexualisierter Gewalt ist das noch eine Spur schwieriger. Wichtig sind niederschwellige Einrichtungen, wo sich Frauen anonym melden und informieren können. Man weiß, dass sexualisierte Gewalt in sehr hierarchischen Strukturen, die große Autoritätsgläubigkeit fordern, häufiger vorkommt. Wenn Partizipation ein Grundanspruch ist, dann werden Sexualität und damit in Zusammenhang stehende Gewalt besser greifbar und die Betroffenen werden sich eher melden.

Es muss in den Vereinen und Verbänden klare Regelungen geben, wie der konkrete Umgang im Anlassfall aussieht (Beschwerdemanagement, abgestimmte und allgemein bekannte Vorgehensweise) - an wen kann man sich wenden (definierte Vertrauensperson, die nicht der Trainingsgruppe angehört), wie sehen die folgenden Schritte und Maßnahmen aus, wer ist wofür verantwortlich. Wichtig ist auch die Information an die Betroffenen, welche Schritte nach deren Meldung gesetzt werden. Mit einer Dokumentation wird das Thema sichtbarer und kann von Verantwortlichen entsprechend aufgegriffen werden, was Sicherheit für alle schafft.

In diesem Zusammenhang sind Schulungen und Informationsveranstaltungen, die den verantwortlichen Personen praxistaugliche Werkzeuge vermitteln, ein erster wichtiger Ansatzpunkt. Aber auch die Führungsebene von Vereinen und Verbänden ist gefordert und muss von der Wichtigkeit des Themas überzeugt werden. 100% Sport wird sich im Jahr 2014 intensiv diesem Thema annehmen und plant dazu unterschiedliche Veranstaltungen.

Das Thema sexualisierte Grenzüberschreitung im Sport ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftlich-strukturelles und somit politisches Thema - eine strukturelle Verankerung bringt die entsprechenden Auswirkungen. Bei der Trainer- und Instruktorenausbildung der BSPA wird der Gender-Gedanke direkt in den Lehrplan implementiert und bei der Ausbildung umgesetzt. Zukünftige InstruktorInnen und TrainerInnen werden sensibilisiert und informiert, auch darüber, wie sie mit eventuellen Beschuldigungen in diesem Bereich umgehen können. Mit Hilfe dieser Ausbildungsinhalte kann eine nachhaltige Wirkung erreicht werden. Vorgeschlagen wurde auch, die Umsetzung bestimmter Maßnahmen durch die Verbände an die Vergabe von Subventionen zu koppeln.

Es gilt Sexualität und sexualisierte Grenzüberschreitungen auf gesellschaftlicher Ebene zu einem offen diskutierten Thema machen. Bereits vorhandene Verhaltensregeln müssen in der Praxis ohne falsche Tabus umgesetzt werden - dabei dürfen auch Auseinandersetzungen nicht gescheut werden. Die Gesprächsbereitschaft dazu ist in den Verbänden und Vereinen allerdings gering, 100% Sport will daher Impulsgeber sein und wir bitten um Mithilfe aller, die im Sport damit befasst sind.

 

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V.l.n.r.: Bettina Weidinger (Pädagogische Leiterin des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik), Christa Prets (Präsidentin 100% Sport), Maria Rösslhumer (Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser), Elisabeth Auer (Moderatorin)